Innovationsmodelle bewerten Projekte entlang dreier Dimensionen: Wollen Menschen das Produkt? Kann es umgesetzt werden? Und lässt es sich nachhaltig tragen? Genau diese Struktur eignet sich, um das Projekt Speicher elektrisiert zu analysieren. Nicht rückblickend als Kritik, sondern als saubere Einordnung der systemischen Kräfte, die den nächsten Schritt bestimmen.
Inhaltsverzeichnis
Desirable: Hoher Bedarf, klare Wirkung
Ein Produkt ist desirable, wenn es in einem realen Markt ein konkretes Problem löst. In dieser Dimension war Speicher elektrisiert stark positioniert.
Die Nutzer wollten:
- Orientierung in einem neuen Technologiefeld
- technische Einordnung komplexer Systeme
- Sicherheit im Alltag
- Unterstützung im Kaufprozess
- Bestätigung, dass Probleme nicht individuell sind
- realistische Erwartungen statt Marketingversprechen
Das Projekt lieferte diese Orientierung. Die Nachfrage war konstant und klar erkennbar. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache:
- hohe Interaktionsraten
- langfristige Nutzung von Evergreen-Inhalten
- reproduzierbare Nachfrage nach tiefen Erklärformaten
- starker Pull-Effekt durch Google Search und YouTube-Suchanfragen
Desirable war vollständig erfüllt.
Feasible: Umsetzung möglich, Kompetenz vorhanden
Feasible beschreibt, ob ein Modell umsetzbar ist. Auch hier gab es keine Engpässe. Die Umsetzbarkeit war gegeben durch:
- hohe Analysekompetenz
- strukturiertes Vorgehen
- klare methodische Grundlagen
- moderne Produktionsmittel
- direkten Zugang zur Nutzerrealität
- kontinuierliche Markt- und Softwarebeobachtung
Auch operativ war das Modell tragfähig:
- Inhalte konnten unabhängig entstehen
- Fehleranalysen waren möglich
- Alltagstests funktionierten zuverlässig
- Community-Fragen lieferten präzise Insights
Feasible war ebenfalls vollständig erfüllt. Wissen konnte aufgebaut, strukturiert und vermittelt werden. Die technische Seite – Produktion, Recherche, Methodik – war nie der Engpass. Feasibility war erfüllt.
Viable: Die vier Dimensionen der Tragfähigkeit
Die entscheidende Frage ist, ob ein Modell im bestehenden System dauerhaft tragfähig ist. Hier zeigte sich ein mehrdimensionales Viability-Problem. Nicht aufgrund fehlenden Erfolgs, sondern aufgrund struktureller Rahmenbedingungen, die außerhalb des Projekts lagen.
Viable setzt sich aus vier Komponenten zusammen:
Strukturelle Einbettung
Für ein dauerhaft tragfähiges Modell braucht es:
- definierte Schnittstellen
- klare Ansprechpartner
- Prozesse für externe Analyse
- regelmäßigen Informationsfluss
- verlässliche Verfügbarkeit von Testfahrzeugen
Diese Infrastruktur existiert im klassischen Automotive-Umfeld nicht.
Es handelt sich nicht um fehlende Bereitschaft einzelner Personen, sondern um systemische Architektur.
Damit war die strukturelle Basis für langfristige Zusammenarbeit eingeschränkt.
Monetarisierungslogik
Wertschöpfung war vorhanden. Value Capture jedoch war begrenzt.
Fakten:
- YouTube-Werbung trägt erklärlastige Nischenformate nicht
- Einnahmen schwanken stark und sind nicht planbar
- Sponsoring wird durch Aussenwahrnehmung beeinflusst
- Nutzerbeteiligung ist wertvoll, aber strukturell begrenzt
- Keine Möglichkeit, den erzeugten Wert wirtschaftlich einzufangen
Das Modell funktionierte in seiner Wirkung, aber nicht in seiner monetären Rückführung.
Themenökonomik
Ein Format ist nur so stabil wie sein thematisches Fundament.
Fakten:
- wenige Modelle erzeugen geringe Themenbreite
- Produktzyklen von fünf bis acht Jahren
- Software-Updates mit geringer Frequenz
- langsame Weiterentwicklung zentraler Funktionen
- sinkende Zahl neuer, relevanter Fragestellungen
- hohe inhaltliche Tiefe senkt die Zahl wiederholbarer Themen
Der Content Gap ist somit nicht qualitativ, sondern strukturell. Die Nachfrage steigt, das Themenaufkommen steigt nicht mit.
Skalierbarkeit
Ein Modell ist viable, wenn es wachsen kann. Horizontal oder vertikal.
Bei Speicher elektrisiert waren folgende Faktoren begrenzend:
- horizontale Skalierung über weitere Modelle nicht möglich
- vertikale Skalierung über Kooperationen nicht strukturell vorgesehen
- Diversifikation ohne Kontextbruch kaum realisierbar
- Abhängigkeit vom OEM verengt alle Wachstumspfade
Damit war das Format wirksam, aber nicht skalierbar.

Die Gesamtabwägung: Warum der Pivot logisch folgt
Die Analyse zeigt ein konsistentes Muster:
- Desirable: erfüllt
- Feasible: erfüllt
- Viable: nicht erfüllt (aus strukturellen, nicht qualitativen Gründen)
Das Modell hat seine maximale Wirkung erreicht. Der nächste Entwicklungsschritt liegt außerhalb des bisherigen Systems. Ein Pivot ist deshalb keine Reaktion auf Misserfolg, sondern eine Konsequenz aus klarer Analyse.
Speicher elektrisiert hat gezeigt, wie ein unabhängiges Format komplexe Themen entschlüsseln und die Nutzerperspektive in technologischen Märkten sichtbar machen kann. Die Weiterentwicklung folgt derselben Logik – nur in einem Umfeld, das die Viability-Komponente unterstützt.
Der Pivot bedeutet deshalb nicht Abbruch, sondern Weiterentwicklung. Die Elemente, die Desirability und Feasibility getragen haben – analytische Tiefe, Orientierung, Nutzerlogik – bleiben bestehen. Der Schritt erfolgt entlang der dritten Dimension: ein Umfeld zu finden, in dem Viability gegeben ist. Märkte, die Vertrauen erst aufbauen müssen, und Hersteller, die Nutzerlogik aktiv einbeziehen wollen, bieten diese Möglichkeit deutlicher als ein Konzern, dessen Struktur dafür nicht ausgelegt ist.
Der Pivot ist daher nicht der Schlussstrich unter einem Modell, sondern die Fortführung desselben Prinzips in einem Kontext, der es tragen kann.
