Teil 2, Anbieterperspektive

Warum Ladeinfrastruktur nicht an Preisen scheitert – sondern an Auslastung und Fixkosten

Einleitung, Die falsche Leitfrage

Aus Anbietersicht wird Ladeinfrastruktur oft auf eine scheinbar einfache Frage reduziert: „Sind wir günstig?“ Diese Frage ist messbar, vergleichbar und leicht zu kommunizieren. Doch sie ist strategisch irrelevant. Sie verkennt den einzigen Hebel, der in diesem Markt wirklich zählt: Auslastung.

Nicht der Preis entscheidet über Wirtschaftlichkeit, sondern das Volumen an wiederkehrenden Ladevorgängen. Der zentrale Engpass liegt nicht in der Kilowattstunde, sondern in der Nutzung.

Der Grund ist einfach: Ladeinfrastruktur ist kein Produktgeschäft. Sie ist ein infrastrukturelles Servicesystem mit extrem hoher Fixkostenlast. Hier zählt nicht, was eine Kilowattstunde kostet, sondern wie oft sie verkauft wird und ob der Kunde wiederkommt.

Die Ökonomie der Ladeinfrastruktur

Ladeinfrastruktur folgt nicht der Logik klassischer Produktmärkte. Sie ist ein kapazitätsgebundenes System, dessen Wirtschaftlichkeit fast vollständig von der Nutzung abhängt.

  • Die wesentlichen Kosten entstehen, bevor der erste Ladevorgang stattfindet. Standorte müssen erschlossen, Netzanschlüsse gebaut und Hardware installiert werden.
  • Backend-Systeme, Wartung und Entstörung laufen permanent – unabhängig davon, ob geladen wird oder nicht.

Ökonomisch bedeutet das: Der überwiegende Teil der Kosten ist fix. Der einzige Freiheitsgrad liegt im Durchsatz.

Nicht die Anzahl der Säulen entscheidet über Erfolg, sondern wie viele Ladevorgänge man täglich abwickelt. Nicht Expansion skaliert. Nicht Preis skaliert. Nicht Marge skaliert. Nur Volumen skaliert.

Warum Marge kein Skalierungshebel ist

In klassischen Geschäftsmodellen ist die Marge der zentrale Hebel für Wirtschaftlichkeit. In der Ladeinfrastruktur funktioniert diese Logik nicht.

Die Willingness to Pay ist strukturell begrenzt:

  • durch hohe Preissensibilität
  • durch geringe Differenzierung
  • durch hohe Vergleichbarkeit
  • durch regulatorischen sowie politischen Druck.

Gleichzeitig verändert ein höherer Preis nichts an der Kostenstruktur. Er senkt keine Fixkosten, erhöht keine Auslastung, verbessert keine Skalierbarkeit und schützt nicht vor Wettbewerb.

Marge ist ein Ergebnis, kein Hebel. Wer versucht, Wirtschaftlichkeit über den Preis zu erzwingen, verschiebt Nachfrage kurzfristig. Langfristig verliert er Volumen. Und ohne Volumen gibt es keine Fixkostendegression.

Preis als Scheinhebel

Dass der Preis dennoch im Zentrum vieler Strategien steht, ist kein Zufall. Preis ist sichtbar. Alles andere ist es nicht. Zuverlässigkeit ist vorab nicht bewertbar. Abbruchfreiheit ist nicht vergleichbar. Erwartungskonsistenz entsteht erst über Erfahrung. Standortqualität zeigt sich erst vor Ort.

Was bleibt, ist der Tarif. Und genau deshalb wird er überschätzt. Doch Preis erfüllt nur eine Funktion: Er verschiebt Nachfrage kurzfristig. Er stabilisiert sie nicht.

Ein Standort mit Friktionen lässt sich über den Preis füllen, für eine bestimmte Zeit. Doch jede Friktion wandelt Marge in Reibung um. Abbrüche erzeugen Supportkosten. Wartezeiten zerstören Vertrauen. Intransparenz senkt Wiederkehr. Inkonsistenz beschädigt die Marke.

Der Preis füllt die Säule kurzfristig. Die Friktion leert sie langfristig. Preis ist kein Schutz. Er ist Hoffnung. Die Hoffnung, länger durchzuhalten als der Wettbewerb.

Auslastung ist kein Ziel, sondern ein Ergebnis

Ein zentraler Irrtum besteht darin, Auslastung direkt optimieren zu wollen: durch Preisaktionen, Standortexpansion oder Marketing. Doch Auslastung ist kein Hebel. Sie ist ein Ergebnis.

Man kann Auslastung nicht direkt optimieren. Man kann nur Vertrauen optimieren. Denn langfristige Auslastung entsteht ausschließlich über Wiederkehr. Und Wiederkehr entsteht ausschließlich über friktionsfreie Erfahrungen.

Gemäß meinem Trust-Friction-Framework gilt:

Vertrauen = Zuverlässigkeit × Preisgerechtigkeit × Zugänglichkeit × Erwartungskonsistenz

Erst daraus entsteht die Kette:

Vertrauen → Wiederkehr → Nutzung → Auslastung → Volumen → Fixkostendegression → Wirtschaftlichkeit

Wer versucht, diese Kette zu überspringen, optimiert Symptome statt Ursachen.

Durchsatz schlägt Bestand

Ein weiterer strategischer Fehler liegt in der Fokussierung auf Assets. Viele Betreiber messen Erfolg an der Anzahl der Standorte, der Säulen, der installierten Leistung oder der Abdeckung.

Doch wirtschaftlich relevant ist nicht der Bestand, sondern der Durchsatz.

Nicht die Frage „Wie viele Säulen betreiben wir?“ ist entscheidend, sondern: „Wie viele Ladevorgänge finden täglich pro Standort statt?“

Ein kleiner Standort mit hoher Wiederkehr ist wertvoller als ein großer Ladepark mit geringer Nutzung.

Wert entsteht nicht durch Infrastruktur. Wert entsteht durch Durchsatz.

Wachstum als strategische Illusion

In der aktuellen Marktphase verfolgen viele Anbieter eine einfache Logik: mehr Standorte, mehr Fläche, mehr Präsenz. Real estate logic.

  • Doch Wachstum ist kein Wettbewerbsvorteil.
  • Wachstum ist kein Schutz.
  • Wachstum ist kein Ziel.

Ohne klare strategische Wahl führt Expansion zu fragmentierten Netzen, heterogenen Erfahrungen, inkonsistenter Qualität, steigender Komplexität und sinkender Steuerbarkeit. Mit jedem zusätzlichen Standort steigen Wartungs-aufwand, Entstörungsrisiko, Qualitätsstreuung und Friktionswahrscheinlichkeit.

Expansion ohne Vertrauen verdünnt Qualität. Und verdünnte Qualität zerstört Wiederkehr.

Differenzierung oder Low Cost

Zur Einordnung vorab: Mein strategisches Verständnis orientiert sich eng an der Denkschule von Roger Martin. Nicht, weil ich seine Modelle übernehme, sondern weil wir dieselbe Grundannahme teilen: Strategie ist kein Plan und keine Prognose, sondern eine strukturierte Theorie darüber, wie unter Unsicherheit Wert entsteht und Entscheidungen wirksam werden. Wie bei Martin steht für mich nicht Wettbewerb im Zentrum, sondern die Architektur von Entscheidungen, die Fähigkeit, Zielkonflikte aufzulösen, und die systematische Verbindung von Nutzerlogik, Organisation und Wertschöpfung.

Daher existieren für mich nur zwei wirklich tragfähige Strategien: Differenzierung oder Low Cost.

Im Charging-Markt existiert aktuell kein echter Low-Cost-Pfad. Low Cost würde radikale Standardisierung, maximale Prozessvereinfachung, minimale Services, extreme Auslastung und kompromisslose Kostendisziplin erfordern. Es gibt bildlich gesprochen kein „RyanCharge“.

Stattdessen versuchen die meisten Anbieter, gleichzeitig etwas günstiger, etwas besser, etwas moderner und etwas bequemer zu sein. Das Ergebnis ist strategische Unschärfe.

  • Alle sehen ähnlich aus.
  • Alle bieten Ähnliches.
  • Alle haben ähnliche Preise.
  • Keiner ist klar verteidigbar.

In diesem Zustand wird Preis zum Ersatz für Strategie. Und Preiskampf zum Substanzverzehr.

Vertrauen als einziger struktureller Hebel

In dieser Marktphase bleibt genau ein Hebel, der gleichzeitig Auslastung stabilisiert, Volumen erhöht, Fixkosten senkt, Preiskämpfe entschärft und Investitionsfähigkeit sichert: Vertrauen.

  • Nicht als Image.
  • Nicht als Marketing.
  • Nicht als Versprechen.

Sondern als Systemeigenschaft. Der Start funktioniert. Abbrüche bleiben die Ausnahme. Die Leistung entspricht der Erwartung. Der Preis ist konsistent. Der Standort ist vorhersehbar.

Nicht perfekte Systeme gewinnen, sondern vorhersehbare.
Nicht maximale Leistung skaliert, sondern minimale Friktion.

Brücke zur Marktlogik

Aus Nutzersicht lautet die Frage: Komme ich hier wieder her. Aus Anbietersicht lautet sie: Bin ich hier stabil ausgelastet. Beide Fragen beschreiben denselben Mechanismus.

Im nächsten Teil geht es um die Marktlogik: warum Auslastung und Vertrauen keine Gegensätze sind, sondern zwei Seiten desselben Systems.

Denn in reifen Infrastruktursystemen gilt: Auslastung entsteht aus Vertrauen. Und Vertrauen entsteht aus Auslastung. Nicht als Metapher. Als ökonomische Realität.


Kernaussagen

  • Ladeinfrastruktur ist kein Produktgeschäft, sondern ein Fixkosten-getriebenes Infrastruktursystem.
  • Nicht Preis entscheidet über Wirtschaftlichkeit, sondern Volumen an wiederkehrenden Vorgängen.
  • Marge ist kein Hebel, sondern ein Ergebnis von Auslastung.
  • Preis verschiebt Nachfrage, stabilisiert sie aber nicht.
  • Auslastung ist kein Ziel, sondern das Ergebnis von Vertrauen.
  • Man kann Auslastung nicht direkt optimieren – nur Vertrauen.
  • Nicht Bestand schafft Wert, sondern Durchsatz.
  • Wachstum ohne Vertrauen verdünnt Qualität und zerstört Wiederkehr.
  • Low Cost ist im Charging kaum realisierbar – Differenzierung durch Vertrauen bleibt der einzige verteidigbare Pfad.
  • Vertrauen ist der einzige strukturelle Hebel, der Fixkosten senkt, Volumen steigert und Preiskämpfe entschärft.

Über den Autor

Matthias Speicher arbeitet an der Schnittstelle von Customer Experience, Plattformökonomie und Ladeinfrastruktur.
Sein Fokus liegt nicht auf Hardware oder Tarifen, sondern auf den Mechaniken, die Akzeptanz, Wiederkehr, Auslastung und Wirtschaftlichkeit steuern.

Das hier vorgestellte Trust–Friction-Framework ist sein persönlicher Denkansatz – entstanden aus Marktbeobachtung, Systemanalyse und mehrjähriger Arbeit mit realen Nutzer- und Betreiberperspektiven.
Kein Dogma, sondern ein Modell, um die richtigen strategischen Fragen zu stellen.