Teil 1, Die Nutzerperspektive

Warum Nutzer nicht für Kilowattstunden zahlen sondern für Vertrauen

Einleitung: Was Laden wirklich ist

In der Diskussion über Ladeinfrastruktur wird Laden oft als technischer Vorgang, als Produkt oder als Leistung verstanden. Aus Nutzersicht ist es jedoch etwas grundlegend anderes.

Laden ist keine Dienstleistung, kein Feature und kein Erlebnis. Laden ist eine Unterbrechung im Alltag. Und genau das macht es psychologisch, verhaltensökonomisch und systemisch so sensibel. Unterbrechungen sind die Momente, in denen Menschen Zeit verlieren, Kontrolle abgeben, Unsicherheit erleben und Erwartungen überprüfen. Nicht dort, wo etwas beginnt, sondern dort, wo etwas unterbrochen wird, entsteht Vertrauen, oder Misstrauen.

Die Akzeptanz von Elektromobilität entscheidet sich daher nicht im Showroom. Sie entscheidet sich am Ladeplatz.

Laden als Alltagspause

Für Nutzer ist ein Ladevorgang fast nie ein Ziel, sondern immer ein Mittel zum Zweck. Niemand fährt, um zu laden. Man lädt, um weiterfahren zu können.

Daher gelten für Laden andere Regeln als für klassische Produkte:

  • Es darf nicht überraschen.
  • Es darf nicht aufhalten.
  • Es darf nicht Aufmerksamkeit binden.
  • Es darf keine Entscheidungen erzwingen.

Im Idealfall ist Laden kurz, vorhersehbar und langweilig. Nicht, weil es schlecht wäre, sondern weil es dann funktioniert. Je weniger ein Nutzer über einen Ladevorgang nachdenken muss, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er wiederkommt.

Der Denkfehler der Branche

Viele Anbieter betrachten Laden als Feature-Wettbewerb: mehr Leistung, mehr Displays, mehr Apps, mehr Services. Doch aus Nutzersicht sind das keine Begeisterungsmerkmale, sondern Basisvoraussetzungen. Sie erzeugen keine zusätzliche Zufriedenheit, keine Loyalität und kein Vertrauen. Sie verhindern lediglich Unzufriedenheit.

Das eigentliche Nutzerurteil entsteht nicht durch Features, sondern durch die Abwesenheit von Friktion. Und Friktion entsteht nicht spektakulär, sondern leise.

Eskalation versus Erosion

In der öffentlichen Diskussion dominieren Eskalationen: Totalausfälle, defekte Säulen, blockierte Ladeparks, extreme Wartezeiten. Das sind sichtbare Probleme, aber sie sind selten.

Was Vertrauen wirklich zerstört, ist keine spektakuläre Eskalation, sondern schleichende Erosion. Mikrofriktionen, die:

  • Zeit kosten
  • Aufmerksamkeit binden
  • Erwartungen verletzen
  • Sicherheit untergraben

Beispiele:

  • Eine Säule, die zweimal hintereinander nicht startet
  • Eine App, die sich neu einloggen will
  • Eine Ladeleistung, die regelmäßig unter den Erwartungen bleibt
  • Ein Standort, der schlecht beschildert ist
  • Ein Tarif, der erst nach dem Laden verständlich wird

Keines dieser Ereignisse führt zur Beschwerde, keines davon eskaliert. Aber jedes davon reduziert die Wahrscheinlichkeit der Wiederkehr. Nicht Eskalationen entscheiden, sondern schleichende Erosion.

Warum Preis überschätzt wird

In vielen Diskussionen gilt der Preis als zentraler Faktor, als Hauptentscheidungs-kriterium und als Engpass. Doch diese Sicht verkennt ein fundamentales Problem: Beim Laden ist der Preis oft die einzige Information, die vorab sichtbar ist.

Zuverlässigkeit ist nicht transparent, Abbruchfreiheit ist nicht bewertbar, Erwartungskonsistenz kennt man erst nach mehreren Besuchen, und Standortqualität lässt sich nur vor Ort beurteilen. Was bleibt, ist der Preis. Und weil er die einzige greifbare Variable ist, reagieren Nutzer hier extrem preissensibel.

Doch diese Preissensibilität ist kein Ausdruck von Sparsamkeit, sondern von Informationsmangel. Je weniger Vertrauen vorhanden ist, desto stärker wird der Preis zum Anker. Je höher das Vertrauen, desto geringer wird die Preisrelevanz.

Nutzer zahlen nicht für Kilowattstunden, sie zahlen für Vorhersehbarkeit.

Hier empfehle ich auch meinen Exkurs „Die Illusion der Einfachheit“

Das Trust-Friction-Modell aus Nutzersicht

Aus dieser Beobachtung entsteht ein einfaches Modell: Vertrauen = Zuverlässigkeit × Preisgerechtigkeit × Zugänglichkeit × Erwartungskonsistenz

Diese Faktoren wirken nicht additiv, sondern multiplikativ. Ein sehr guter Faktor kann drei schwache nicht kompensieren. Ein einzelner Bruch genügt, um das Gesamtergebnis zu kippen.

  • Zuverlässigkeit: Kann ich starten, ohne nachzudenken? Bricht der Vorgang ab? Ist die Säule verfügbar?
  • Preisgerechtigkeit: Entspricht der Preis meiner Situation? Notladung ist etwas anderes als Routine, Zeitdruck ist etwas anderes als Planung.
  • Zugänglichkeit: Finde ich den Standort? Kann ich rangieren? Ist es sicher? Ist es intuitiv? Finde ich die Services die ich benötige?
  • Erwartungskonsistenz: Erlebe ich hier heute das, was ich beim letzten Mal erlebt habe?

Vertrauen entsteht nicht aus Perfektion, sondern aus Wiederholbarkeit.

Wiederkehr als eigentliche Entscheidung

Der wichtigste Moment im gesamten Ladevorgang liegt nicht beim Start, nicht beim Bezahlen und nicht beim Abstecken. Er liegt danach, in der stillen Entscheidung: Nutze ich diesen Anbieter erneut?

Diese Entscheidung wird selten bewusst getroffen, sie entsteht implizit. Ein Standort wird nicht gemieden, weil er fünf Cent oder Rappen teurer ist. Er wird gemieden nach:

  • Zwei Abbrüchen
  • Einer negativen Überraschung
  • Einer blockierten Zufahrt
  • Unklarer Leistung
  • Zu vielen kleinen Irritationen

Nicht als Protest, nicht als Beschwerde, sondern als stiller Wechsel.

Wiederkehr erzeugt Nutzung, Nutzung erzeugt Auslastung, Auslastung erzeugt Volumen. Und Volumen ist die Grundlage jeder Wirtschaftlichkeit.

Implizite Entscheidungsprozesse: Warum Nutzer wechseln, ohne es zu merken

Nutzer wechseln Ladeorte nicht nur nach rationaler Abwägung, sondern vor allem nach drei automatisierten Mustern:

  1. Friktionen sammeln sich unsichtbar an
    Jede Störung wird nicht als Einzelfall bewertet, sondern als Vertrauensabzug verbucht. Besonders emotionale Spitzen prägen sich ein und überlagern spätere positive Erfahrungen. Der Nutzer speichert nicht „Säule X funktionierte nicht“, sondern „Hier verliere ich Kontrolle.“
  2. Der Wechsel passiert automatisch
    Sobald das Vertrauenskonto leer ist, greift der Omission Bias: Nutzer meiden den Standort einfach, ohne aktiv darüber nachzudenken. Der neue Ort wird zur Routine, selbst wenn der ursprüngliche objektiv besser war. Der alte Standort verschwindet aus der mentalen Auswahl.
  3. Nachträgliche Rechtfertigung
    Hat der Nutzer gewechselt, sucht das Gehirn rückwirkend Gründe, um die Entscheidung zu bestätigen. Kritische Informationen über den alten Standort werden nun selektiv ignoriert, positive relativiert.

Preisnachlässe wirken nicht, weil die Entscheidung im impliziten System verankert ist. Ein Rabatt wird als Bestätigung der ursprünglichen Abwertung gedeutet. Einmalige schwere Friktionen erfordern mindestens 3–5 positive Erfahrungen, um kompensiert zu werden, ohne das eine weitere Friktion auftritt.

Brücke zur Anbieterperspektive

Aus Nutzersicht lautet die zentrale Frage: Komme ich hier wieder her. Nutze ich diesen Anbieter erneut. Vertraue ich diesem Anbieter.

Aus Anbietersicht lautet sie: Bin ich stabil ausgelastet. Beide Fragen beschreiben dasselbe System.

Im nächsten Teil geht es um die Anbieterperspektive: Warum Ladeinfrastruktur nicht an Preisen scheitert, sondern an leeren Säulen, fehlender Wiederkehr und Fixkosten. Denn Vertrauen ist nicht nur ein Nutzerproblem, es ist der zentrale ökonomische Hebel des gesamten Marktes.


Kernaussagen

  • Laden ist kein Produkt und kein Feature, sondern eine Unterbrechung im Alltag.
  • Akzeptanz entsteht nicht im Showroom, sondern am Ladeplatz.
  • Nutzer zahlen nicht für Kilowattstunden, sondern für Vorhersehbarkeit.
  • Nicht Eskalationen zerstören Vertrauen, sondern schleichende Erosion durch Mikrofriktionen.
  • Preis wird überschätzt, weil er oft die einzige sichtbare Information ist.
  • Wiederkehr entsteht implizit – nicht durch bewusste Entscheidung, sondern durch Friktionsarmut.
  • Vertrauen = Zuverlässigkeit × Preisgerechtigkeit × Zugänglichkeit × Erwartungskonsistenz.
  • Der wichtigste Moment liegt nach dem Laden: „Komme ich hier wieder her?“

Über den Autor

Matthias Speicher arbeitet an der Schnittstelle von Customer Experience, Plattformökonomie und Ladeinfrastruktur.
Sein Fokus liegt nicht auf Hardware oder Tarifen, sondern auf den Mechaniken, die Akzeptanz, Wiederkehr, Auslastung und Wirtschaftlichkeit steuern.

Das hier vorgestellte Trust–Friction-Framework ist sein persönlicher Denkansatz – entstanden aus Marktbeobachtung, Systemanalyse und mehrjähriger Arbeit mit realen Nutzer- und Betreiberperspektiven.
Kein Dogma, sondern ein Modell, um die richtigen strategischen Fragen zu stellen.